Theodor Storm (1817–1888), erschienen 1862 · gemeinfrei
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor
sah mit grossen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
«Knecht Ruprecht», rief es, «alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan.
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder Weihnachten werden!» Ich sprach: «O lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo’s eitel gute Kinder hat.» – «Hast denn das Säcklein auch bei dir?»
Ich sprach: «Das Säcklein, das ist hier;
denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
essen fromme Kinder gern.» – «Hast denn die Rute auch bei dir?»
Ich sprach: «Die Rute, die ist hier;
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.» Christkindlein sprach: «So ist es recht;
so geh mit Gott, mein treuer Knecht!»
Von drauss, vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find:
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?
Wer Knecht Ruprecht ist
Knecht Ruprecht ist der Begleiter des Weihnachtsmanns – im Gedicht kommt er direkt vom Christkind, das ihn zur Erde schickt. Theodor Storm schrieb die Verse für seine eigene Familie; erschienen sind sie 1862. Die Rute gehört zum historischen Text: Früher wurde mit ihr gedroht, heute erklärt man Kindern besser, dass sie ein Requisit aus einer strengeren Zeit ist – und dass niemand mehr «den Teil, den rechten» fürchten muss.
Zum Aufsagen
Meist genügen die ersten sechs Zeilen – sie sind der berühmteste Teil. Wer das ganze Gedicht vorträgt, wechselt am schönsten die Stimmen: hell für das Christkind, brummig für Ruprecht. In der Schweiz passt das Gedicht genauso zum Samichlaus und seinem Schmutzli.
Häufige Fragen
Von wem stammt «Von drauss, vom Walde komm ich her»?
Von Theodor Storm. Das Gedicht heisst «Knecht Ruprecht» und erschien 1862. Es ist gemeinfrei.
Wie viel davon soll ein Kind auswendig lernen?
Für den Besuch des Nikolaus reichen die ersten sechs Zeilen völlig. Schulkinder, die gern vortragen, schaffen mit etwas Übung das ganze Gedicht – die wörtliche Rede hilft beim Merken.
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Und wenn die Antwort persönlich wäre?
Die Postfilialen antworten mit einem vorgedruckten Brief für alle Kinder – schön, aber eben für alle gleich. Zauberpost macht das andere: der Samichlaus spricht in einer Videobotschaft dein Kind mit Namen an, nennt, was es dieses Jahr erlebt hat, und antwortet auf das, was im Brief stand. Dazu ein gesiegelter Brief auf Papier und ein gravierter Holzanhänger, der das Video am Christbaum wieder abspielt.
So funktioniert’s